Das verlorene Geheimnis  

Wir stehen in der Schlange vor den Kassen, vor uns zwei prall gefüllte Einkaufswagen, und bewegen uns millimeterweise in Richtung der sichtlich genervten Kassiererin. Jedes Jahr das Gleiche. Jedes Jahr kommt Weihnachten so überraschend schnell. So schnell, dass die Filialleiter kein zusätzliches Personaleinstellen können. So schnell, dass mir, dem Verbraucher, kaum Zeit bleibt, die notwendigen Vorräte anzulegen, die das Überleben der Feiertage garantieren und so schnell, dass nur wenige Stunden bleiben für die Entscheidung, wer sich über welches Geschenk freuen könnte. Hatte ich mir nicht im letzten Jahr fest vorgenommen, die Geschenke im Sommer zu kaufen?

"Haben wir alles?" fragt meine Frau. Ich weiß es nicht, denn ich weiß nicht, was alles ist. Alles könnte ja auch Würstchen mit Kartoffelsalat sein. Das Gericht meiner Großeltern an Heiligabend.

Wir legen jedes Teil auf das Band, hören das Biep seines Strichcodes und schaffen es kaum, im gleichen Takt unsere Einkäufe wieder zurück in den Wagen zu befördern. Dann drän-geln wir uns an den kleinen Tischen vor dem Ausgang. Dort ordnet meine Frau. "Bei dir gehen die Eier und das Obst immer kaputt", meint sie. Dafür darf ich dann aber die Tüten und Taschen im Kofferraum sortieren, was bei dem Umfang gar nicht so einfach ist. "Die sind mir zu schwer."
"Warum kaufst du dann so viel ein", würde ich gerne fragen, verkneife es mir aber. Ich will kein Spielverderber sein.

Zuhause stellen wir fest, dass der Kühlschrank zu klein ist. Wollten wir nicht im Sommer einen größeren kaufen? Unser Hund Tim sieht uns erwartungsvoll an. "Geh du mit ihm 'raus. Ich räume den Rest weg", entscheidet meine Frau, deren Kopf im Kühlschrank verschwindet. Ich nehme die Leine und Tim springt voller Vorfreude an meinen Beinen hoch. Er weiß nichts von Weihnachten. Er spürt nur die Anstrengungen der Vorbereitungen. Auf der Treppe treffe ich meinen Nachbarn. Sein Sohn Tim spielt mit seinem Namensvetter und wir Männer reden das Übliche. Er erzählt mir, dass er gleich mit seinem Sohn einen Weihnachtsbaum schlagen wird. Ob ich nicht mitkommen wolle? Eigentlich habe ich keine Lust. Doch dann fällt mir die Abzocke vom letzten Jahr ein: der Typ, der für seine spärlich in Reihe stehenden Krücken von Bäumen tatsächlich 40 Euro haben wollte … Ich sage zu. Mein Nachbar klopft mir auf die Schulter. "Na dann, bis gleich, unten am Auto. Mann, das wird lustig!" Ich bereue meinen Entschluss gleich wieder, aber ich will kein Spielverderber sein.

Wir sind im Wald angekommen und mit uns zehn andere, Väter mit ihren Kindern, beladen mit Schubkarre, Beil und dicken Handschuhen. Schei …! Ich habe meine Handschuhe vergessen und es ist bitterkalt. Der Förster zeigt uns die Baumreihen, in denen wir uns als Jäger und Holzfäller betätigen dürfen.

Irgendwie tauge ich als Jäger nichts, denn die anderen sind schon weit voraus, um sich den geradesten, vollsten und imposantesten Baum als Beute zu sichern. Der Wald schluckt ihre Schritte und ihre Stimmen. Ich stehe allein und vergesse kurz, weshalb ich eigentlich hier bin. Gestern Abend ist der erste Neuschnee gefallen, dick, weiß und weich. Noch sind kaum Spuren im Schnee. Kitsch pur, die unschuldige Natur, über die sich gleich elf Männer hermachen werden, damit sie auch in die Häuser kommt. Darunter liegen dann Pakete und Päckchen, Schleifen und Krippenfiguren und davor steht meine Mutter, meine Schwiegermutter, mein Bruder mit Frau und meinen drei Neffen und, ja natürlich, meine Frau - wenn sie es rechtzeitig schaffen sollte, aus der Küche zu kommen.

Ich reibe meine Hände aneinander und sehe zum Himmel. Kann ein Abend heiliger sein als mitten im Wald, darüber ein schwarzes Dach, glitzernd gepunktet durch Licht, deren Quellen wahrscheinlich gar nicht mehr existieren und dessen geruchlose und geschmacklose Durchsichtigkeit die giftigen Abgase unserer Wohlstandsgesellschaft unseren Sinnen entzieht? Jedenfalls lasse ich mir so lieber den Frieden auf Erden vortäuschen als in unserem übervollen Einkaufszentrum.

Mein Nachbar kommt zurück und schleift einen kapitalen Baum hinter sich her. "Na, Sie können sich wohl nicht entscheiden, was? Sind aber auch schöne Bäume in diesem Jahr."

Ich will mich abwenden, um nun endlich auch meinen Baum zu suchen. Im Gehen begegnen sich meine Blicke mit denen des Nachbarjungen. Sie lassen mich nicht mehr los, auch nicht, als ich eine viertel Stunde später mit dem Beil die erste Kerbe in einen Stamm haue. Während ich meinen Baum bearbeite, sehe ich sie vor mir: Sie strahlen vor Stolz. Und vor Vorfreude. Ob auch die Augen meines Sohnes, den ich vielleicht eines Tages haben darf, so leuchten werden? Ich erinnere mich an das Gedicht meines Großvaters, das er jedem, egal, ob er es hören wollte oder nicht, in der Vorweihnachtszeit erzählte:

"Weihnachten ist das Fest,
das die Menschen meinen verloren zu haben.
Beladen mit all ihren wertvollen Gaben,
stellen sie dann fest:
Sie haben es nicht verloren, nur vergessen.
Verlieren kann nur der, der es zuvor besessen!"

Hatte ich es je besessen? Ja! Als Kind haben es mir meine Eltern und Großeltern geschenkt: beim Plätzchen-Backen, beim Geschenk-Basteln, bei angezündeten Kerzen und beim Schneemann-Bauen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie es in einem Supermarkt gekauft hatten. Sie haben mir von dem Geheimnis erzählt, denn sie hatten nichts anderes zu tun. Damals kam Weihnachten auch nicht so schnell. Es kam so langsam, dass ich es kaum erwarten konnte. Nie konnte ich das Geheimnis verstehen oder gar erfassen. Aber es war da. Jedes Jahr neu und in jeder Stunde des Wartens. Irgendwann habe ich es verloren, wie viele andere auch. Aber ich wollte nie Spielverderber sein.

Mein Baum kämpft unterdessen mit dem Beil. Weil ich zittere, treffe ich nie die gleiche Kerbe. Aber er verliert trotzdem und ich schleife ihn hinter mir her, raus aus dem Wald, raus aus dem Geheimnis. Es raschelt zwischen den Bäumen. Vor mir steht ein Reh, völlig erstarrt über seinen Irrtum, die zweibeinigen Baumjäger sind schon weg, das Tier wirkt verängstigt und ist einen Moment lang unfähig, fortzulaufen. Auch ich bleibe stehen und eine verschneite Ewigkeit schauen wir uns in die Augen, bis es sich hektisch umdreht und mich zurücklässt. Aber in dieser Ewigkeit fällt es mir ein: Ja, wir dürfen das Geheimnis suchen. Besser, es an einem Tag im Jahr zu finden, als an gar keinem.

Und jeder wird wohl dieses Geheimnis suchen, wo er es zu finden glaubt: Im Singen unter dem Baum, in einem Brief, den man sonst nicht schreibt, im Jubel der kleinen Kinder, die sich freuen dürfen, im Weihnachtsbraten, den so viele nicht essen können. Und die weniger Glücklichen suchen das Geheimnis noch viel mehr, denn sie brauchen es sehr viel mehr.

Ich gehe nach Hause und nehme mir vor, meiner Frau endlich mal wieder zu sagen, dass sie nicht alleine ist. Und nicht nur, weil ich kein Spielverderber bin.

 

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