websitecordulahamann

 

 

"Verklappt"  

Heute morgen, um 1:27 Uhr, legte man mir meinen Sohn in die Arme. Acht Minuten zuvor hatte man sein offizielles Geburtsdatum auf einer Karteikarte eingetragen: Montag, 10. August 2026, 1:19 Uhr. Es handelt sich wohl um die oft zitierte Ironie des Schicksals, denn auf den Tag genau vor sechsundzwanzig Jahren war die Nacht, in der ich aufhörte zu existieren. So steht es in den Akten. 

Heute dagegen ist seine Nacht, in der er anfängt zu existieren - also zumindest zur Hälfte. Stefan werden wir ihn nennen. Das haben meine Frau und ich schon vor langer Zeit beschlossen. Ein Kind muss von Anfang an einen Namen haben, meine ich. Wie winzig sind seine Fingerchen, sein Gesichtchen, das verschrumpelt und mit seiner rötlichen Hautfarbe noch jenseits aller Baby-Face-Proportionen liegt. Aber wenn er die Augen aufmacht, kann ich seine Schönheit schon erkennen, die sich bald nach außen drängen wird. Ich spüre sie bereits, denn sie schickt ihre Wärme voraus durch seine winzige Hand in meinen Zeigefinger, den sie mit erstaunlicher Festigkeit im Griff hält. Es wird Zeit. Mein Sohn soll sich ausruhen. Ebenso meine Frau. Ich lasse sie beide zurück in einem geblümten Einzelzimmer mit sonnengelben Vorhängen, die vor dem offenen Fenster wehen, als ich durch die Zugluft in die Nacht hinaus gehe.

 

Es ist eine laue Nacht. Immer noch über 20 Grad. Ob der August damals auch so heiß war? Ich müsste einmal im Netz die Wetteraufzeichnungen recherchieren. Egal! Die Vorstellung, dass in jener Nacht zumindest Sommer war, lässt das Frösteln meiner Erinnerung weniger stark werden. Obwohl Eiseskälte und tiefer Schnee meinem Verständnis für seinen Ablauf eher entgegen kommen würden. Sie hätten den Grad der Verzweiflung so stark erhöht, dass man aus einem Selbsterhaltungstrieb heraus hätte handeln müssen. In dem Zeitdruck einer Winternacht trifft der Mensch übereilte Entscheidungen. Muss er! Um zu überleben!

 

Verdammt! So ein Quatsch, den ich gerade denke. Selbst wenn der August 2000 eine Rekordtemperatur nach unten hin zu verzeichnen gehabt hätte, kann es nicht um Leben oder Tod gegangen sein! Denn schlaue Ärzte hatten mir schon fünf Lebenstage vor meinem Identitätsverlust testiert. Fünf Tage! Fünf mal 24 Stunden! 120 Stunden, in denen ich irgendwo gelegen habe und in denen mich vielleicht jemand hoch genommen und in seinen Armen gehalten hat. Und Nahrung gegeben. Ich weiß nicht, ob aus einer Brust oder einem Fläschchen. In den Akten stand nichts von Unterernährung. Also sollte ich nicht sterben. So viel steht fest. Irgend jemand hat mir das Leben gerettet. Das Problem ist nur, dass es mir schwer fällt, mir einen Zustand des Nichtlebens vorzustellen. Nähme man jetzt meinem winzigen Sohn Stefan den Atem, wohin würde er uns entgleiten? Er ist heute nacht geboren, doch er lebt nicht erst seit wenigen Stunden. Wenn ich seinen Lebenszustand zurück verfolge, vermag ich keinen Anfang festzustellen, außer den des Sonntagmorgens im Dezember letzten Jahres, bei dem sich Beate ganz sicher ist, dass er es war. Immer, wenn unsere Moral und unser ethisches Gewissen meint, einen Punkt gefunden zu haben, ist es doch nur ein Punkt auf einer Linie, die mit rasanter Geschwindigkeit neun Monate lang gezogen wird. So etwas wie Etappensieg gibt es bei der Tour de la Vie nicht. Die, die an den Start gekommen sind, setzen sich in Bewegung, fahren immer weiter, kommen ihrem Ziel immer näher. Sie halten jedenfalls nicht an, allenfalls stürzen sie und bleiben leblos an der Strecke liegen. Leblos! Wieder bin ich angelangt bei meinem Unvermögen. O.k.! Erneuter Versuch: Vielleicht wächst die Tiefe des Todes proportional zu der Anzahl der Lebensjahre? Könnte passen. Wenn man davon absieht, dass in unserem Umgang der Tod eher einer nach unten offenen Parabel gleicht, an deren Hochpunkt  in den Sterbeanzeigen der Zeitungen „mitten aus dem Leben gerissen“ geschrieben steht. Der Hochpunkt hat sich in den letzten Jahrzehnten zwar verschoben, was aber nur beweist, dass die Symmetrie der Kurve durch die Überalterung aufgehoben wurde, nicht aber die Tatsache, dass ihr Anfang eine Steigung aufweist. Wobei ich wieder am Anfang bin, bei dem ich nicht weiß, in welchem Quadranten er liegt. Ich weiß nur, dass die Kurve durch den Nullpunkt geht.

 

Die Frau hatte es geschafft, mich irgendwie durch diesen Nullpunkt zu bringen. Der physische und psychische Ausnahmezustand schien also kein solches Ausmaß angenommen zu haben, das ihr ethisches Sein gen Null gefahren und sie in den Zwang versetzte hätte, mir so oder so das Leben zu nehmen. Aber es schien groß genug gewesen zu sein, mir fünf Tage später meine Identität zu nehmen. Was ist in diesen fünf Tagen passiert? Und warum?

 

Für die Beantwortung dieser Fragen hatte ich bis heute Nacht auf dieser Parkbank sieben Monate Zeit gehabt. Einen Monat weniger als für die Frage, die mir anspruchsvoll genug erscheint, wie ich ein guter Vater für unser erstes Kind werden könnte. Letztere Aufgabenstellung habe ich wenigstens zum Großteil abgeschlossen. Als Beate von ihrer Schwangerschaft erfuhr, war uns klar gewesen, dass wir heiraten werden. Unser Staat küsst uns die Füße, wenn wir Nachwuchs produzieren und dies auch noch in einem geordneten, überschaubaren Raum, der sich Familie nennt, und der in den letzten Jahrzehnten unserem Staat einen Großteil der Verantwortung in seiner Fürsorge- und Sozialpflicht abgenommen hat, die er schon lange nicht mehr in der Lage ist, wahrzunehmen. Schlimm für die, die keine Familie haben. Aber ich merke gerade, dass ich wieder vom Thema abschweife. Das mache ich öfter, wenn ich nicht weiterkomme. Obwohl: eigentlich gehört es doch zum Thema, denn mit den Abstammungsurkunden, die Beate und ich dem Bürgeramt für unsere Heirat vorlegen sollten, hat schließlich alles angefangen. Vorher hatte ich nichts gewusst. Vorher hatte ich gedacht, ich hätte eine Identität. Also, genau genommen, sogar zwei: die meiner richtigen Eltern und die meiner Adoptiveltern. Wenn man einmal von dem Gefühlschaos in einem selbst absieht, eigentlich eher hilfreich bei der Beurteilung, wie viel von den Genen und wie viel von der Außenwelt abhängt. So kann man sich selbst leichter analysieren. Natürlich erst, wenn man die leiblichen Eltern kennen gelernt hat, was ich vor hatte.

 

Meine Adoptiveltern hatten es mir gesagt, als ich 11 Jahre alt war. Sicher! Es war ein Schock gewesen. Aber bis ich dann irgendwann erwachsen war, hatte ich ihn verdaut. Ich wusste, dass meine Adoptiveltern meine seelischen Eltern waren. Sie liebten und erzogen mich, wie ich es bei den Eltern meiner Freunde sah. Keiner merkte einen Unterschied. Ich hatte es auch nicht eilig gehabt, der Frage nach meinen leiblichen Eltern nachzugehen. Mit 18 Jahren, als erstmals die Möglichkeit  bestand, entschied ich, sie zu beantworten, wenn ich selbst einmal Vater werden würde. Ich wollte sie über die Adoptionsvermittlungsbehörde, wo alle Daten gespeichert werden, in Erfahrung bringen, dann Kontakt aufnehmen und, sofern sie noch lebten, ihnen ihr Enkelkind zeigen. Ich wollte mir dieses Kennenlernen aufheben für den Zeitpunkt, an dem ich eine eigene Familie gegründet habe. Vorher, so dachte ich, hätte es Vater und Mutter zu sehr verletzt. Manchmal habe ich ihnen gegenüber ohnehin ein schlechtes Gewissen. Sie haben mir schließlich all das geschenkt, was Leben ausmacht. Eigentlich sollte das genug sein. Seit Menschheitsbeginn gab es schließlich Kinder wie mich: Findelkinder vor den Klostertüren und auf den Kirchenstufen. Sie alle wussten ebenso wenig von ihren Eltern und keiner hat das so problematisiert wie ich. Oder doch? Im stillen Kämmerlein sozusagen? Oder auf einer Parkbank in einer lauen Sommernacht? Vielleicht gab es welche. Aber ich bin mir relativ sicher, dass sie sich nicht die undankbare Frage gestellt haben, ob es vielleicht besser gewesen wäre, man hätte sie sterben lassen. Außer vielleicht vor Jahrhunderten, wo der Makel ihrer Geburt sie niemals vollwertige Mitglieder der Gesellschaft werden ließ. Ich dagegen habe Glück, denn vieles hat sich inzwischen geändert. Ich verstehe nur nicht, warum es Stunden wie diese gibt, in denen ich mich so unvollständig fühle.

 

Stefan zum Beispiel, mein Sohn – wie das klingt!  Er wird sich nicht so fühlen, wenn er irgendwann in ein paar Jahren anfängt zu begreifen, dass es je eine Zelle von Mama und Papa waren, die seine Existenz begründet haben. Dann kann er mich anschauen und auch seine Mutter und kann sich seine Gedanken machen. Meine Gedanken dagegen führen immer ins Leere. Sie finden keine Nahrung außer in Fantasien über den Ablauf von fünf Tagen, von der jede von ihnen wieder abgelöst wird von der nächsten und der nächsten bis ich mich wieder bei der ersten befinde. Ein junges Mädchen, fast noch Kind, ohne Geld, ohne Familie? Eine Frau, vergewaltigt, keine Kraft mehr für eine Anzeige? Eine Ausländerin ohne Aufenthaltsgenehmigung, ohne Papiere? Damals war es schwer, Asyl in unserem Land zu erhalten. Ein Inzestkind? Irgendwo Geschwister? Irgendwo ein Vater, dessen Namen nur die Mutter weiß? 

Trotzdem! Muss ihr nicht ein kleiner Rest an Reflektions- und Konfliktfähigkeit geblieben sein in ihrer scheinbar aussichtlosen Lage der inneren und äußeren Konflikte? Dieser Rest ist es, der verhindert, dass wir unsere Kinder töten. Wo er nicht mehr existiert, führt jeder Weg ins Kindergrab und er macht keinen Umweg durch die anonymen Angebote unserer sozialen Einrichtungen.

Da ist er wieder! Der Zorn! Bei dem ich jedes Mal in meinen Überlegungen ende. Ich will ihn nicht, den Zorn, aber er ist so „unkaputtbar“, weil er mir sagt, dass es unbestimmte Andere waren, die mir meine Identität genommen haben, nicht meine Mutter! Es ist viel leichter, auf einen Menschen zornig zu sein. Weil man sich ihm stellen kann, dem Hass. Wenn man es will. Aber wem könnte ich mich stellen, der mir nicht nur die Identität, sondern auch eines meiner Menschenrechte genommen hat: das Recht, meinen Anfang zu kennen oder zumindest dessen Bild zu erahnen?

Man hat sie allein gelassen. Und das nicht erst vor 26 Jahren. Und so schien es ihr die einfachste Lösung zu sein, weil niemand da war, der ihr geholfen hätte, einen schwierigeren Weg zu gehen oder ihr den Preis für den ihrigen zu nennen. Denn dafür hätte es mehr gebraucht, als eine Öffnung in der Mauer und eine Sirene im Schwesternzimmer. 

Und so hat sie mich verklappt. Dann ging sie fort, nahm meine Identität mit sich und ließ mich zurück in der ersten Babyklappe Deutschlands. Sie wird so schwer daran zu tragen haben, wie ich mich mein Leben lang zu leicht fühlen werde. Ich muss nach Hause und ein wenig schlafen - Es tut mir leid, Mutter - zum Frühstück will ich wieder bei meinem Sohn sein - ich kann Dir nicht vergeben, denn ich kenne Dich nicht - es ist Zeit - ich muss bei ihm sein - glaube mir: ich würde es tun.

                         

  Kurzgeschichten


Alle Texte, Illustrationen, Fotos, die Sie auf meiner Homepage und seinen einzelnen Seiten finden, sind einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Eine Übersetzung, ein Nachdruck, die Entnahme von Abbildungen, die Wiedergabe auf fotomechanischem oder ähnlichen Wege und die Speicherung sowie Verarbeitung in Datenverarbeitungssystemen sind verboten. Für alle Inhalte, Texte und Illustrationen (*) auf dieser Website gilt: Alle Rechte vorbehalten; Copyright by: Cordula Hamann, soweit nichts anderes vermerkt ist. Auf die Inhalte externer Links habe ich keinen Einfluss, deshalb distanziere ich mich von den Inhalten.  Ausschließlich die Betreiber der externen Webseiten sind verantwortlich, auch wenn von meinen Seiten auf diese externen Seiten ein Link gesetzt wurde. Bei Anwahl der Seiten schließe ich jede Haftung aus.

(*)Das Copyright und alle Rechte für den Roman "Der Traumapfel" liegen beim novum Verlag, Österreich