Leseprobe 2 aus "Der Traumapfel"

Es würde kein so großes Problem werden, wenn der Weg so weiter ginge. Es war viel angenehmer, im Dunkeln des Waldes zu gehen, als zuvor durch die Plantagen. Der Weg stieg an, aber sie konnte ihn gut bewältigen. Das dachte Beatrice zumindest die erste Viertelstunde. Die Erleichterung, die sie gehofft hatte zu verspüren, als sie nun allein ihren Weg weiterging, blieb aus.  Mit Gustavo war auch die Sicherheit zurückgeblieben. Sie hatte sich zuvor keinerlei Gedanken machen müssen, wohin sie ging und seine Anwesenheit verlieh ihr Stärke. Mit jedem Meter, den sie sich hoch arbeitete, verließ sie diese Stärke ein wenig mehr.

Er hatte recht: Es gab nur diesen einen Weg. Sie konnte sich nicht verlaufen und sie wusste auch, dass hier niemand war, der ihr etwas tun würde. Dennoch beschlich sie ein unheimliches Gefühl, das stärker war als in dem abgebrannten Wald zwischen den Plantagen. 

Seit sie die Plantagen und damit auch Gustavo verlassen hatte, umschloss sie der Urwald des Berges wie eine abgedunkelte unbekannte Kammer, deren Raum sie nicht kannte. Sie sah nur das, was die schmale Unterbrechung des Waldes, den der Weg ausmachte, von diesem Raum preisgab. Und sie konnte sich in ihrer Fantasie gut vorstellen, dass es nur wenige Wochen dauern würde, dass sich der Urwald auch diese Unterbrechung zurückholen würde, wenn Gustavos Männer den Weg nicht freihalten würden. Der Wald würde sich blitzartig an dieser Stelle schließen, an dem man ihn verletzt hatte, um den Menschen den Durchgang durch ihn zu ermöglichen, so wie die Bestandteile des menschlichen Blutes eine Wunde schlossen. Und sie wäre dann ebenfalls eingeschlossen in diesem von ihr so geliebten Wald, den sie jetzt bedrohlich empfand. 

Sie machte eine kleine Verschnaufpause und stützte sich an einen Baumstamm. Die Belastung des Hochsteigens hielt unvermindert an. Es gab keine ebenen Stellen mehr auf dem Weg. Und diese Dauerbelastung war viel schlimmer als sie es sich vorgestellt hatte. Sie fand, dass sie mit ihren 70 Jahren noch ganz fit war, trotz ihrer Herzkrankheit. Aber seit vielen Jahren war sie nicht mehr einer solchen körperlichen Strapaze ausgesetzt gewesen. Sie hatte einfach nicht die Kondition und ihr Hinterkopf schmerzte von der Heftigkeit ihrer Pulsschläge. Dennoch zwang sich Beatrice weiterzugehen. Doch nach weiteren zehn Minuten konnte ihr Geist ihren Körper nicht mehr bezwingen. Sie setzte sich dort, wo sie gerade war, auf den Boden des Weges, und Tränen der Enttäuschung stiegen in ihren Augen hoch. Wie konnte sie nur so dumm gewesen sein? Wie konnte sie denken, dass sie tatsächlich als alter und kranker Mensch noch einmal das tun konnte, was sie als junger Mensch versäumt hatte? Bis hierhin war sie stolz auf sich gewesen. Sie hatte alle Anstrengungen der Reise, des Klimawechsels und schließlich des heutigen Laufens besser als erwartet hinter sich gebracht. Nun aber hatte Beatrice das Empfinden, dass sie so kurz vor dem Ziel würde aufgeben müssen. Nun gut, es wäre einmal mehr, dass sie etwas nicht geschafft hätte. Sie würde es hinnehmen müssen. Tief versunken in ihrer Enttäuschung über sich selbst hockte sie auf dem Boden, nicht darauf achtend, dass ihre Kleidung, ihre Schuhe und ihre Hände durch den feuchten, lehmigen Boden des Waldes völlig verschmutzt waren . 

Dass sie dort im Schmutz saß, geschah ihr ganz recht! Hatte sie sich doch immer falsch eingeschätzt. Hatte sie sich doch niemals wirklich selbst gekannt. Was hatte sie denn daran gehindert, von Tom einfach wegzugehen, als Steven alt genug und sie noch jung genug gewesen war? In den ersten Jahren nach Stevens Geburt hatte sie einen Grund gehabt, nicht hierher zu kommen. Die vielen Krankheiten, das Klima und die Lebensumstände einem kleinen Kind zuzumuten, wäre unverantwortlich gewesen. Verglichen mit den heutigen Reisemöglichkeiten war es damals mehr als nur ein gefährliches Abenteuer gewesen, und darüber hinaus hätte sie auch keine Organisation mit einem Kind genommen. Und von irgendetwas hätte sie ja schließlich leben müssen. 

Nein, in dem Moment, als sie erfahren hatte, dass sie schwanger war, war ihr klar gewesen, dass sie ihre Pläne würde aufschieben müssen, bis ihr Kind alt genug gewesen wäre. Wofür überhaupt alt genug? Sie war ja selbst offenbar nicht alt genug gewesen, um das zu realisieren, was ihr wichtiger war, als in einer Kleinstadt das ereignislose Leben einer Kleinfamilie in einer ebenso ereignisloser Umgebung zu leben. Wie hätte sie es von Steven erwarten können? Tom war ein strenger, aber guter Vater für Steven gewesen. Steven hatte ihn gebraucht. Als Einzelkind und Junge hatte er einen Mann gebraucht, um sich als Heranwachsender an ihm orientieren und mit ihm identifizieren zu können. Sie hatte ihm nicht beides sein können: Mutter und Vater. War ihr das bewusst gewesen? Nein! Nein, es war ihre eigene Unfähigkeit, ihr Leben in die Hand zu nehmen, die sie gehindert hatte. Das wusste sie seitdem, erst durch Stevens Weggang von zu Hause und dann, in noch viel stärkeren Maße, nach Toms Tod, alle Gründe weggefallen waren, die sie vernünftigerweise in Asheville gehalten hätten. Nicht einmal dann hatte sie die Stärke zu tun, was sie tun wollte. Ihre Psyche war ebenso schwach, wie jetzt ihr Körper auf diesem gottverlassenen Waldboden.

Sie sah nichts, aber sie hörte mit einem Mal ein leises Knacken hinter sich. Der Schreck und die Angst erlösten ihren Kopf aus der Starre. Sie richtete sich auf und schaute ängstlich hinter sich und eine Welle der Erleichterung durchfloss sie, als sie wahrnahm, dass Gustavo hinter ihr stand.  Er sagte nichts. Er reichte ihr nur wortlos eine Hand voll zerknüllter und zerkleinerter Kräuter und deutete ihr an, sie in den Mund zu nehmen. Sein Blick war liebevoll und fürsorglich. Nichts war zu sehen von Kränkung, Stolz oder Genugtuung, dass sie ohne ihn verloren schien. 

Er setzte sich im Schneidersitz zu ihr direkt auf den Boden und sprach dann beruhigend auf sie ein: „Kaue diese Kräuter gut und lange. Ich weiß, sie schmecken etwas bitter, aber sie werden dir gut tun. Du brauchst Kraft und du bist noch nicht am Ziel. Lass mich Dir helfen. Wenn Du oben bist, dann kannst Du allein sein, jetzt noch nicht.“ Eine Weile saßen sie nebeneinander auf dem Boden und Beatrice kaute die Kräuter, die ihr Gustavo gegeben hatte.

„Du gehst auf den Berg, um Frieden zu schließen?“ Beatrice nickte. Sie hatte allein sein wollen, aber jetzt störte sie die Anwesenheit Gustavos nicht mehr, im Gegenteil. „Mit deinem Gott?“, fragte Gustavo. „Mit meinem Gott? Ich weiß gar nicht, ob ich einen Gott habe. Nein“ Beatrice schüttelte langsam den Kopf. „Ich glaube, ich will Frieden mit mir selbst schließen.“ 

„Das ist das Gleiche!“, entgegnete Gustavo. Er machte mit dem Arm eine runde Bewegung in Richtung der Baumkronen. „Das alles bist du. Und das alles ist Gott. Ich weiß nicht, wo Dein Gott ist, aber meine Götter sind hier.“, er legte seine Hand auf seine linke Brustseite, „und hier,“ er zeigte auf den Lehmboden zu ihren Füßen, „und dort“, seine Blicke richteten sich nach oben, wo zwischen dem dichten Blätterwerk der Himmel nur wenig Platz hatte, zu ihm und Beatrice durchzudringen. Beatrice lehnte sich zurück und ihr Rücken fand Halt an einem Baumstamm am Rand des Weges. Ihre Augen folgten dem Blick Gustavos. Sie wusste, dass es heller Tag war. Aber auf dem Boden des dichten Urwaldes schien ihr der Tag so fern, wie damals am See, als Paul und sie im Gras auf dem Rücken lagen und der Tag sich langsam dem Ende näherte. Und sie warteten, dass die weißblaue Farbe des Himmels für die Sterne der Nacht Platz machte. Dafür da, gezählt zu werden und mit jedem Stern einen Traum vom Leben zu verbinden.

Beatrice hatte von jeher die Menschen unterschieden, in Menschen, die Träume hatten und in Menschen, die keine Träume hatten. Paul hatte Träume gehabt und er wollte sie mit ihr zusammen träumen. Sie hatte so gehofft, dass auch Steven, ihr Sohn, Träume hätte. Aber offenbar war es ihr nicht gelungen, seine Träume zu wecken. Jetzt lebte er mit dieser Allen. Diese Frau hatte nicht einmal die Spur von Träumen. Warum musste ihr Steven nur ausgerechnet an diese Frau geraten. Nicht nur Mütter können Träume wecken, auch Ehefrauen und Geliebte. 

Aber Allen war einfach nur eine "Geheiratete". Zugegeben, sie war wohl eine ganz gute Ehefrau und Mutter. Sie war jung, sie war hübsch und sie war offenbar glücklich. Bedauernswert, dass sie ohne Träume glücklich war. Sie würde alt werden, selbstzufrieden und eines Tages sterben. Und das Einzige, das sie in der Stunde des Todes interessieren wird, wird es sein, dass ihr Mann und ihre Kinder neben ihrem Bett stehen werden. Sie würde niemals diese Zerrissenheit spüren, die sie, Beatrice, ihr ganzes Leben gespürt hatte. Nein, sie war ein Mensch ohne Träume und sie war bedauernswert. Beatrice konnte Allen nicht lieben, auch wenn sie ihr Simon, ihren Enkel, geschenkt hatte. Simon, der Einzige, der ein Grund gewesen wäre, nicht zu gehen. Ja, Simon hatte Träume. Er wäre bestimmt gerne hier.  

„Wie oft bist Du schon hier hoch gelaufen?“, fragte Beatrice Gustavo, der noch immer nach oben schaute. Ohne seinen Blick zu senken, antwortete Gustavo: „Sooft die Götter es wollten – und ich Geld von den Touristen brauchte.“

„Eigentlich wollt Ihr doch gar nicht, dass Touristen hierher kommen“, entgegnete Beatrice. „Wir brauchen die Touristen, damit wir die Götter nicht vergessen.“ Erstaunt blickte Beatrice Gustavo an. Doch sein Blick sagte nichts von Verbitterung, sondern war bestimmt durch Gewissheit, als ob seine Antwort die normalste der Welt gewesen wäre. „Früher“, erklärte Gustavo, „brauchten wir die Touristen nicht, um uns an die Götter zu erinnern. Sie wohnten hier oben auf den Bergen, aber sie waren auch da unten mit uns. Heute kommen sie selten. Weil unsere Kinder "Nike"-Schuhe an ihren Füßen tragen, unsere Familien nicht mehr genug zu essen haben und unsere Männer nicht mehr wissen, was sie den ganzen Tag machen sollen. Heute leben viele von uns in den Städten. Sie arbeiten in den Hotels und sie arbeiten, um Straßen für die Touristen durch unser Land zu ziehen. Und das Land wird immer weniger. So bleiben die Götter auf den Bergen und viele von uns vergessen die Götter. 

Aber wenn wir unsere Träume leben wollen, brauchen wir Platz. So führe ich lieber Touristen hier hoch und baue nicht an der Straße mit. Sie sagen, mit der Straße kommt der Fortschritt in unser Land. Aber, was ist das für ein Fortschritt, der uns die Götter vergessen macht? Und außerdem", fügte Gustavo lächelnd hinzu, „sind die Touristen weniger, als die Straßen Meilen haben.“ 

Er stand auf, reichte Beatrice eine Hand und forderte sie auf: „Wir müssen weiter, wir müssen vor der Dunkelheit oben sein. Sonst gehen deine Träume ohne dich schlafen.“

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(*)Das Copyright und alle Rechte für den Roman "Der Traumapfel" liegen beim novum Verlag, Österreich