"Ein ganz normaler Feierabend"

Es war Montagabend, so gegen 18.oo Uhr, als der Notar Behrend seine letzten Mandanten verabschiedete. Es war ein anstrengendes Notariat gewesen. Trotz einiger Einwände auf der Käuferseite hatte er es doch wieder einmal geschafft, dass alle Beteiligten die Urkunde unterzeichnet und sein Notariat zufrieden verlassen hatten. Immerhin: ein Gegenstandswert von 1,5 Millionen Euro! "Es lohnt sich doch immer wieder", dachte er, als er die Hände der Mandanten zum Abschluss schüttelte und sie zur Tür brachte. 

"So Feierabend!" Herr Behrend freute sich auf seinen Federball, den er jeden Montagabend spielte. Ein schöner Ausgleich für seine doch meist sitzende Tätigkeit. Dass diese Frau Leimann auch immer montags den letzten Termin so spät vergeben musste. Hundertmal hatte er es ihr gesagt. Er war sich sicher, dass sie ihn ein bisschen damit ärgern wollte. Ihm fiel ein, dass er ja noch die Post unterzeichnen musste. Ach ja, vorhin, so gegen 16:oo Uhr, hatte ihn Herr Schulz erinnert und vor dem letzten Termin auch noch Frau Meissen und Frau Schatz. Richtig genervt hatten sie ihn. Sie mussten doch gesehen haben, dass er gerade Wichtigeres zu tun hatte. Schließlich machte er so den Umsatz, dass sie alle ihre Arbeit hatten. Ohne ihn säßen sie doch schon alle auf der Straße. Aber die Angestellten waren auch nicht mehr das, was sie mal waren. Er dachte an die Zeit zurück, als nur er und Herr Schulz das Büro geschmissen hatten. Das waren noch Zeiten! Herr Schulz hatte alles gemacht, sich um alles gekümmert und er, der Anwalt, brauchte nur noch für das Wesentliche, nämlich die Mandanten, zu sorgen.  

Herr Behrend ging ins Sekretariat. Er musste ja nicht mehr alle Mappen unterzeichnen, nur ein paar Sachen, die unbedingt heute noch heraus müssen. Dann endlich könnte er abschalten und zum Federball gehen. Er sah auf die Uhr. Ganz schön spät schon. Er würde sich beeilen müssen, um das erste Spiel schon mitspielen zu können. Im Sekretariat war niemand. Herr Behrend setzte sich an den Schreibtisch von Frau Kampe und wollte sich gerade die erste Unterschriftenmappe nehmen, als er einen Zettel auf dieser liegen sah. Er legte ihn ungelesen beiseite, schlug die Postmappe auf und begann mit den ersten Unterschriften. Seine Augen gingen ganz kurz wieder auf den Zettel und mehr nebenbei las er ihn, immer wieder unterbrochen vom Umblättern der Postmappe. Er stutzte, nahm den Zettel in die Hand und las den Text noch einmal. Was stand da? „Lieber Hans, es ist jetzt 17:30 Uhr. Um 16:00 Uhr hatte ich Dich gebeten, die Post zu unterzeichnen und Dich daran erinnert, dass ich heute Abend nicht wie sonst länger bleiben kann, weil ich einen außerordentlich wichtigen privaten Termin habe. Nun kann ich nicht länger warten. Du musst die Post selbst eintüten und mitnehmen. Ich gehe jetzt. Bis morgen. Gruß Michael.“  

Ja, spinnt denn der jetzt? Wichtiger privater Termin – haha. „Frau Schatz, kommen Sie doch mal bitte!“, rief Herr Behrend in Richtung Flur zu den hinteren Zimmern seines Büros und widmete sich weiter den erforderlichen Unterschriften in der Mappe. „Frau Scha-atz!“ Keine Reaktion. „Frau Meissen?“ Meine Güte noch einmal. Wo waren die alle denn schon wieder? So! die erste Postmappe war fertig. Wo war denn nur die Berufungsbegründung, die heute beim Gericht sein musste? Ah, ja, gleich das erste Schreiben in der zweiten Unterschriftenmappe. Herr Behrend wandte sich konzentriert dem Schriftsatz zu und wollte ihn gerade unterschreiben, als ihm siedendheiß einfiel, dass er einen wichtigen Punkt in der Begründung heute Vormittag mit seinem Sozius diskutiert hatte und ihnen beiden eingefallen war, dass er seine Argumentation im Schriftsatz unbedingt ändern müsste. "Oh Schei..." Er hatte in der Eile völlig vergessen, Frau Kusel die Änderungen zu diktieren. Und bei diesem Mandanten konnte er sich keinen Fehler erlauben. Er hatte ihm gerade erzählt, dass er die erste Instanz nur verloren hätte, weil er zu einem solchen Idioten von Kollegen gegangen war, anstatt gleich zu ihm zu kommen. Hoffentlich war Frau Kusel noch da. Oder sonst irgend jemand in diesem Büro. Herr Behrend stand auf und ging in die hinteren Räume des Büros. Er schaute nacheinander in die Räume. Alles still. Alle Arbeitsplätze waren leer, die Computer ausgestellt und auch der große Kopierer im hinteren Sekretariat. Er schaute auf die Uhr. Oh je, schon viertel nach! Höchste Zeit, dass er fertig würde. Auf dem ansonsten aufgeräumten Schreibtisch von Frau Meissen lag in der Mitte ein großer handgeschriebener Zettel. Herr Behrend nahm ihn in die Hand und las: „Lieber Herr Behrend. Um 16:30 Uhr hatte ich Sie gebeten, die Post zu unterzeichnen. Nun ist es kurz vor 18:00 Uhr Wie Sie wissen, ist heute, montags, das Fortbildungsseminar, das Sie mir so ans Herz gelegt haben. Es tut mir leid, aber ich muss jetzt gehen, wenn ich pünktlich sein will. Viele Grüße. Bis morgen. Ihre Y. Meissen.“  

Ja, sind denn jetzt alle verrückt geworden? Langsam wurde Herr Behrend unruhig und ging hastig in das nächste Zimmer: Auch auf dem Schreibtisch von Frau Schatz lag ein Zettel. „Sehr geehrter Herr Behrend. Es ist jetzt 17:30 Uhr Es tut mir außerordentlich leid, aber noch länger kann ich nicht warten. Sie wissen doch: um 18:20 Uhr geht mein Zug. Ich hatte mir erlaubt, Sie heute Nachmittag noch daran zu erinnern. Also viele Grüße. Bis in drei Wochen. Ihre sehr ergebene C. Schatz.“  

Herr Behrend musste sich erst einmal setzen. So etwas hatte es noch nicht gegeben. Streik! Sogar die schüchterne Frau Schatz hatte sich anstecken lassen. Das konnte nur von Frau Meissen kommen. Die war immer so aufmüpfig. Langsam machte sein Ärger auch einer gewissen Verblüffung Platz. Was sollte er nun tun? Offenbar war ja gar keiner mehr im Büro. Und die Änderungen im Schriftsatz der Berufungsbegründung mussten sein. Mit einem Mal kam ihm ein Gedanke. Er hatte sich nie für Computer und all diesen Kram gekümmert. Er sorgte dafür, dass seine Damen das Notwendige kaufen konnten. Obwohl er stets auch seine Zweifel an dieser Notwendigkeit hatte, wenn er schon wieder neue kaufen sollte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass so ein Computer schon nach ein paar Jahren kaputt war oder sonst wie „veraltet“, wie seine Mitarbeiter sich auszudrücken pflegten. Überhaupt: Dieses ganze Wesen, was um die Technik gemacht wurde. Erstens ging es früher auch mit ganz normalen Schreibmaschinen und zweitens konnte es so schwer ja wohl nicht sein, diese Dinger zu bedienen. Seine Leute hatten schließlich nichts anderes zu tun, als sich darum zu kümmern. Und er würde die paar Änderungen jetzt einfach selbst schreiben. Er hatte die Formulierungen noch ganz genau im Kopf.  

Also erst einmal die Akte! Herr Behrend schaute auf die vielen Aktenschränke. Wo sollte er suchen? Einen nach dem anderen Schubkasten zog er heraus, bis er endlich die Aktennummern aus dem Jahr 1994 fand. Nun noch die richtige Nummer: beim zweiten Schubfach hatte er Glück. Er nahm die Akte heraus und setzte sich voller Zuversicht an den erstbesten Schreibtisch, wo ein Computer stand. Der Bildschirm war schwarz. Irgendwo musste doch der Knopf zum Einschalten sein. Na klar, da unten am Bildschirmrand war deutlich sichtbar ein einziger Knopf. Er drückte ihn und wartete. Einige Male schon hatte er gesehen, wenn seine Mitarbeiterinnen an den Computer gingen und einen Text suchten. Ein paar Handgriffe und schon war der gesuchte Schriftsatz auf dem Bildschirm - meistens jedenfalls. Der Bildschirm vor ihm blieb schwarz und in der Mitte kam ein kleines Feld „no signal“. Vielleicht war ja der Computer von Frau Meissen kaputt. Herr Behrend stand auf, nahm die Akte und ging an den Schreibtisch von Frau Schatz. Er drückte die Taste am Bildschirm. Wieder passierte nichts anderes als zuvor. 

Er überlegte: beide Computer würden ja wohl kaum funktionsunfähig sein, davon hätte er heute gehört. Vielleicht hatte er eine Kleinigkeit übersehen? Also, der Stecker war in der Steckdose und eine Menge Kabel gingen hinten vom Bildschirm weg. Allein die Vorstellung, verstehen zu müssen, wohin die einzelnen Kabel ihren Lauf nahmen und welche Funktion sie erfüllten, bereitete ihm größtes Unbehagen. Er schaute sich auf dem Schreibtisch um. Da war eine Tastatur. Er suchte nach irgendwelchen Knöpfen, die wie ein Ein- oder Ausschalter aussahen, fand aber nichts. Unwillkürlich schaute er auch unter den Schreibtisch. Da stand ein Kasten und tatsächlich, auch dieser hatte einen Schalter. Mutig drückte er ihn und tatsächlich: der Bildschirm begann, etwas von sich zu geben. Zahlen, Buchstaben und undefinierbare Zeichen waren da zu sehen. Ständig kamen mehr hinzu. Dann mit einem Mal wurde der Bildschirm blau und in großen Buchstaben konnte er lesen: „PS/1 Microsoft Windows, Version 3.1.“ Na wunderbar! Weiter ging es auf dem Bildschirm und vor ihm sichtbar wurden viele bunte Bildchen, einige davon waren in zwei grauen Kästchen angeordnet. Er wartete weiter darauf, dass sein Schriftsatz auf dem Bildschirm erscheinen würde. Aber nach den bunten Bildchen kam nichts mehr. Sie blieben ganz ruhig stehen. Was nun? Ganz oben drüber stand „Programm-Manager“. Ach sieh mal da: „Spiele“ gab es auch. Na, da wusste man ja, mit was die Mitarbeiterinnen so ihre Zeit verbrachten. In der Mitte der Bildchen, die fast alle eine Unterschrift trugen, sah er einen kleinen weißen Pfeil. Er legte die Akte bereit und schlug sie auf. Mit den Augenwinkeln sah er, wie sich der kleine Pfeil mit einem Mal bewegte. Irgend etwas musste den Pfeil veranlasst haben sich zu bewegen, denn er war sich ganz sicher, keine Taste berührt zu haben. Er schaute sich zweifelnd auf dem Schreibtisch um. Seine Akte lag da, der Schriftsatz und mehr hatte er ja gar nicht verändert. Er nahm die Akte hoch. Darunter sah er ein kleines ovales Ding mit einem dünnen Kabel auf einer weichen kleinen rechteckigen Platte. Auf der Platte las er „Mousepad“ Richtig! „Mouse“: das hatte er schon einmal gehört. Er nahm dieses Ding vorsichtig in die Hand und bewegte es unbeholfen auf dem Mousepad hin und her und siehe da, der Pfeil auf dem Monitor bewegte sich analog seiner Handbewegungen. Ein zufriedenes Grinsen ging über sein Gesicht. Er las die Unterschriften der Bildchen jetzt etwas genauer. Unter den meisten Begriffen konnte er sich gar nichts vorstellen: „Microsoft works“, „Zwischenablage“, „Datei-Manager“, „Winword“ Halt! Moment mal! „Word“ das klang ihm vertraut. Vielleicht sollte er das mal probieren. Er setzte den Pfeil auf dieses Bild und wartete. Nichts passierte. Unwillkürlich drückte er mit einem Finger auf die eine Taste der Mouse und sah fasziniert, dass das Wort „Winword“ blau untermalt wurde. Das war aber auch das einzige, was passierte. Noch einmal drückte er. Die Zufriedenheit seines Gesichtsausdruckes hatte sich schon längst wieder in eine Mischung aus Ärger und Skepsis verändert. Wütend und ungeduldig drückte er immer wieder und immer schneller. Plötzlich veränderte sich der Bildschirm. Die Bildchen verschwanden und nach einer Ewigkeit hatte der Monitor genau das Aussehen, das ihm bekannt vorkam, wenn er hinter seinen Mitarbeiterinnen stand und ihnen diktierte. Nur in der Mitte des Ganzen war der Bildschirm einfach nur weiß, kein Text, gar nichts, schon gar nicht sein Schriftsatz.  

Dennoch mutig von seinen bisherigen Erfolgen geworden, schaute sich Herr Behrend genauer an, was alles auf dem Bildschirm zu lesen stand. Wieder waren es viele kleine Bilder, dieses Mal aber kleiner und weiter gab es eine Unmenge von Begriffen wie Datei, Bearbeiten, Extras, Tabelle. Er schaute auf die Uhr: schon halb acht! Sowieso zu spät, um zum Federball zu gehen. Auch nicht schlecht. Dann komme ich mal früh nach Hause. Nach Hause? Da war doch noch etwas! Na klar: Cornelia anrufen. Die kann mir ja schließlich helfen. Sie soll herkommen und die Änderungen kurz schreiben. Herr Behrend war schon beim Wählen. Er hörte das Freizeichen, viermal, fünfmal. Das Hochgefühl, das sich seiner gerade bemächtigt hatte, war schlagartig weg, als ihm einfiel, dass Cornelia irgendwas gefaselt hatte, sie sei heute Abend bei einer Eigentümerversammlung oder so was ähnliches. So ein Schei.... Kann die nicht gefälligst zu Hause sein, wenn ich sie mal brauche, anstatt irgendwelchen Idioten irgendwelchen Quatsch zu erzählen? 

Herr Behrend war jetzt zumindest so weit in seinen Erkenntnissen gekommen, dass es wohl effektiver wäre, irgend jemand zu fragen. Wenn also Cornelia nicht da war, wen könnte er noch anrufen? Als erstes rief er seinen Sohn an. Gott sei Dank. Wenigstens dort nahm jemand ab „Tim Behrend, Guten Tag?“ – „Ja, Hallo, ich bin’s“, antwortete er erleichtert und schilderte seinem Sohn die Situation. Genau konnte es Herr Behrend nicht heraushören, aber er hatte das untrügliche Gefühl, sein Sohn könne sich vor Lachen kaum halten. „Also Papa, wie kommst Du denn gerade auf mich? Ich hab keine Ahnung davon. Ruf doch mal Cornelia an.“ 

„Hab ich schon. Die dusslige Kuh ist nicht zu Hause.“ knurrte Herr Behrend ins Telefon. "Na, dann vielleicht Sebastian? Also Papa, ich muss jetzt los. Da läuft noch so’ne Demo, weißt Du. Also tschüss.“  

Ja richtig: Sebastian war eine gute Idee. Cornelias Sohn verstand viel von Computern. Er spielte schließlich den ganzen Tag daran. Herr Behrend hatte Glück: Sebastian war am Telefon und mürrisch fragte er, nachdem er sich angehört hatte, um was es ging, in welchem Programm er denn sei. „Wie? Welches Programm? Das weiß ich doch nicht!“ Geduldig ließ sich Sebastian erzählen, was da überall auf dem Bildschirm stand. Dann erklärte er ihm ganz langsam, dass er mit dem Pfeil der Mouse das Wort „Datei“ anklicken solle. „Was heißt das denn nun schon wieder: anklicken? Kannst Du denn nicht mal Deutsch reden?“ Inzwischen etwas genervt erklärte ihm Sebastian die nächsten Schritte, wie er einen Schriftsatz aufrufen könne. Eine lange Liste mit Namen erschien, die Herrn Behrend zum Teil bekannt vorkamen. Aber ein Name, der auf den Schriftsatz der vorliegenden Akte deutete, war nicht dabei. Plötzlich kam Sebastian eine Idee. „Sag mal, sind Eure PCs eigentlich vernetzt?“, fragte er. „Vernetzt? Was soll die Scheiße denn schon wieder. Deine Mutter erzählt mir auch ständig irgend etwas von Vernetzung. Sauteuer. Wozu braucht man das denn? fragte Herr Behrend. „Na, denn,“ meinte Sebastian lachend, „brauchst Du dich nicht zu wundern, wenn Du den Text nicht findest. Du musst zu dem Computer gehen, an dem er geschrieben worden ist.“ 

Unter der telefonischen Anleitung gelang es Herrn Behrend tatsächlich, alles so zu machen, dass endlich, ja wirklich, sein Schriftsatz auf dem Bildschirm am Schreibtisch von Frau Kusel zu sehen war. Dankbar beendete er das Gespräch und wandte sich voller Konzentration und die Anweisungen von Sebastian im Ohr, seinem Schriftsatz zu. Er solle mit dem Curser – er wusste ja jetzt, was das war – an die Stelle gehen, wo er die Ergänzungen einfügen wollte. Er begann. Mühsam mit Zwei-Finger-Such-System fing er an zu schreiben. Langsam, aber es klappte. Die Worte, die er im Kopf hatte, waren wirklich zu sehen. Faszinierend diese Technik! Meine Güte, wie schnell das doch ging, wenn Frau Kusel etwas schrieb, während er diktierte. Nun ja, er war schließlich der Notar und sie die Sekretärin und nicht umgekehrt!  

Eine dreiviertel Stunde nach Beendigung des Telefonats mit Sebastian war sein Text fertig. Er sah nicht so schön aus wie der Rest, den Frau Kusel geschrieben hatte. Aber immerhin. Er würde den Schriftsatz in den Gerichtspostkasten werfen und der Mandant wäre mit ihm zufrieden. Ist ja auch nicht schlecht für mein Image, dachte er, wenn ich ihm morgen erzähle, dass ich, Hans Behrend selbst, mir nicht zu schade bin, einen Schriftsatz eigenhändig zu ändern. Voller Vorfreude auf das Telefonat mit dem Mandanten gleich morgen früh wollte er den letzten Satz schreiben. Etwas zu hastig, denn er rutschte mit dem Finger auf der Tastatur ab. Er konzentrierte sich wieder und schrieb. Aber was war das denn, um Himmelswillen? Der Curser verschluckte mit jedem Buchstaben, den er schrieb die Buchstaben der Worte, die schon da standen. Der nächste Satz war schon nur noch halb da. Und nun? So langsam hatte Herr Behrend die Nase gestrichen voll. Mandant hin, Mandant her. Er würde jetzt Schluss machen und die fehlenden Worte mit der Hand hineinschreiben. Also jetzt nur noch ausdrucken. Gott sei Dank war er so klug gewesen, Sebastian vorhin auch gleich nach dem Drucken zu fragen. Er hatte ihm genau erklärt, welches kleine Bildchen am oberen Bildschirmrand er anklicken musste. Herr Behrend tat alles genau wie erklärt. Postwendend erschien in der Mitte des Monitors ein umrandetes Feld und ein rotes Stoppschild. Er las „Drucker an LPT1 hat kein Papier oder ist nicht an den Computer angeschlossen. Druckerkabel bzw. Netzwerkanschluss prüfen oder neues Papier einlegen. Wiederholen, Abbrechen“ Was sollte das denn nun schon wieder. Dieser blöde Computer soll nicht mit ihm reden, sondern tun, was er ihm gesagt hatte, nämlich seinen Schriftsatz drucken. Oder hatte Sebastian ihm was Falsches gesagt? Schnell wählte er noch einmal seine Nummer. Beim Fernsehen gestört und genervt antwortete ihm Sebastian: „Dann würd’ ich es mal damit versuchen, den Drucker auch anzustellen!“ Peinlich! Darauf hätte er ja nun auch kommen können. Naja, man kann nicht alles wissen. Herr Behrend drückte den On/Off-Schalter am Drucker und nach einer Weile kam tatsächlich sein Schriftsatz, Seite für Seite, aus dem Drucker. Nachdem er auf der einen Seite die wenigen fehlenden Worte handschriftlich ergänzt hatte, ging er zum Kopierer, dem einzigen Gerät, das er in etwa bedienen konnte, weil es ihm zu lästig war, jedes Mal, wenn er dringend eine Kopie von einer Unterlage benötigte, darauf zu warten, dass jemand anders im Büro kopierte. Wieder zurück im Sekretariat nahm er einen Briefumschlag und tütete den kompletten Schriftsatz ein. Gott sei Dank musste er den Umschlag nicht noch frankieren. Eine Beschäftigung mit dieser neumodischen Frankiermaschine hätte er heute nicht mehr überlebt. Früher klebte man einfach eine Briefmarke auf, 60 Pfennig oder so, aber heute?

Er schaltete die Computer und den Drucker aus und schloss, den Briefumschlag unter dem Arm, sein Büro ab. Irgendwie fühlte er sich heute erschöpfter als sonst. Als Cornelia um 23:30 Uhr nach Hause kam, lag er bereits schlafend im Bett.

Am nächsten Tag im Büro war wieder einmal die gewohnte Hektik. Frau Kusel wunderte sich, dass ihr Computer nach dem Einschalten im Programm Winword öffnete und den Schriftsatz vom Vortag zeigte. Komisch, dachte sie. Eigentlich war sie ganz sicher, dass sie den Computer am Vorabend ordnungsgemäß heruntergefahren hatte. Na, vielleicht hatte Herr Behrend ja doch noch eine Dumme gefunden, die den Schriftsatz geändert hatte. Auch Frau Meissen schimpfte vor sich hin, wer denn schon wieder am PC von Frau Schatz gespielt hätte. Herr Behrend kam gar nicht dazu, von seinen Abenteuern am Vorabend zu erzählen, da er erst einen Gerichtstermin und dann Mandanten hatte.

Pünktlich um 15:30 Uhr legten ihm seine Mitarbeiter die Postmappen vor. Im Flur warteten schon die nächsten Mandanten. Herr Behrend wollte gerade aufbrausen, hielt aber inne, nahm die Postmappen und ging zu den Mandanten in den Flur. Er bat um ein paar Minuten Geduld, er müsse nur die Post unterzeichnen. Gleich wäre er wieder für sie da. Die Mandanten nickten mehr oder weniger verständnisvoll und auch bewundernd, wie viele Postmappen der Herr Notar doch so zu unterzeichnen hatte.

Herr Behrend schlug die Postmappen auf und fing an zu unterschreiben. Ein wichtiger Schriftsatz war gleich in der ersten Mappe. Er überflog ihn, nahm ihn in die Hand und rauschte aus seinem Zimmer Frau Meissen entgegen. Er fuhr sie an: „Frau Meissen, hier hatte ich diktiert: der Kläger hat die Ware nicht erhalten und Sie schreiben: der Kläger hat die Ware erhalten.“ Kleinlaut entgegnete ihm Frau Meissen: „Oh je, tut mir wirklich leid. Sie haben Recht. Das war die Stelle, wo ich die Änderungen einfügen sollte und ich muss wohl aus Versehen auf die Überschreibungstaste gekommen sein und damit das Wort „nicht“ gelöscht haben. Warten Sie, ich ändere es sofort.“ Frau Meissen schaute ihn so freundlich an, wie es ihr möglich war und wartete auf das übliche Donnerwetter, das nun kommen würde. Alle im Sekretariat hielten mit der Arbeit inne. Mucksmäuschenstill war es, als Herr Behrend ruhig und mit normaler Stimme zu Frau Meissen sagte: „Na gut, das ist mir auch schon passiert. Sie verbessern das noch, ja?“ Er verließ den Raum. Zurück blieben verständnislos blickende Mitarbeiterinnen, bis Frau Meissen schulternzuckend zu ihrem Platz zurückkehrte und meinte: "Irgendwie scheint es mir, dem Chef geht’s heute nicht so gut. Vielleicht macht ihm ja sein Zahn noch immer zu schaffen.“

 

                                zurück zu: Kurzgeschichten


Alle Texte, Illustrationen, Fotos, die Sie auf meiner Homepage und seinen einzelnen Seiten finden, sind einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Eine Übersetzung, ein Nachdruck, die Entnahme von Abbildungen, die Wiedergabe auf fotomechanischem oder ähnlichen Wege und die Speicherung sowie Verarbeitung in Datenverarbeitungssystemen sind verboten. Für alle Inhalte, Texte und Illustrationen (*) auf dieser Website gilt: Alle Rechte vorbehalten; Copyright by: Cordula Hamann, soweit nichts anderes vermerkt ist. Auf die Inhalte externer Links habe ich keinen Einfluss, deshalb distanziere ich mich von den Inhalten.  Ausschließlich die Betreiber der externen Webseiten sind verantwortlich, auch wenn von meinen Seiten auf diese externen Seiten ein Link gesetzt wurde. Bei Anwahl der Seiten schließe ich jede Haftung aus.

(*)Das Copyright und alle Rechte für den Roman "Der Traumapfel" liegen beim novum Verlag, Österreich