"Wulfs leere Bücher"

 

Die Frau an der Kaufhauskasse wunderte sich: Vielleicht arbeitete der ernste junge Mann beim Theater oder beim Film und brauchte dafür diese Unmengen an Buchattrappen? Während sie die Scheinbücher über die Sensoren zog, schaute sie auf. Aber sie fand seinen Blick nicht, denn der wechselte in schneller Abfolge zwischen seinem Portemonnaie, das er mit beiden Händen vor seinem Körper gefangen hielt, und der Preisanzeige der Kasse. Der Ernst seiner braunen Augen stand im Widerspruch zu den sympathischen Lachfalten, die sie umspielten. Doch er passte gut zu seiner starren Körperhaltung und den umständlichen steifen Bewegungen seiner Hände, als er das Portemonnaie öffnete, ihr den abgezählten Geldbetrag herüber reichte und die leeren Hüllen in einem mitgebrachten verschlissenen Leinenbeutel verstaute. Sie hätte ihn gerne näher kennen gelernt, um den Grund seiner Lachfalten zu erforschen.

 

Wenig später saß Wulf Meyer an einem großen Tisch vor dem Küchenfenster seiner spartanisch eingerichteten Zwei-Zimmer-Wohnung. Sieben blaue, offene Plastikkästen standen, ordentlich aneinander gereiht, exakt in der Mitte des Tisches. Vor ihnen war ein blaues weiches Wolltuch glatt ausgebreitet, auf dem zwei Teile eines schwarz glänzenden Kugelschreibers und fünf Teile seines Innenlebens lagen. Die symmetrische Ordnung des Tisches wurde nur gestört durch eine geöffnete Buchattrappe, die schräg an der Fensterbrettkante lehnte.

Wulfs Hände steckten in weißen dünnen Baumwollhandschuhen und griffen rasant die sieben Teile vom Tuch in einer, den Augen verborgen bleibenden, Reihenfolge zu einem fertigen Kugelschreiber zusammen. Wulf umfasste ihn mit den Fingern seiner rechten Hand, hob ihn gegen das Fenster vor seinen Blick, betätigte mit dem Daumen kurz hintereinander den Druckknopf, der die Mine heraus drückte und wieder herein holte, und entließ den fertigen Kugelschreiber in eine, mit blauem Samt ausgeschlagene, Holzkiste auf dem Fußboden neben seinem Stuhl. Dann kehrte die Hand unverzüglich zur linken zurück, die schon längst je ein Teil aus den Plastikkästen auf das Wolltuch gelegt hatte.

 

Während seine Hände akribisch ihre Arbeit taten, hatte Wulf sein Gesicht in das Licht des Fensters gedreht. Es schien, als schaute er nicht nur durch das Fensterglas, sondern durch alle Häuserfronten, die noch zwischen ihm und dem Horizont lagen. Die Mimik seines Gesichts wechselte so regelmäßig und ausgeprägt, dass man meinen konnte, der Inhalt eines Theaterstückes durchlaufe sein Gesicht. Einmal lag der ganze Weltschmerz in Wulfs Zügen, um dann erlöst zu werden von seligem Lächeln, ein anderes Mal nahm die Tiefe seiner Augen Liebe und Erfüllung in sich auf.

 

Nach zwei Stunden unterbrach die linke Hand den Kreislauf, indem sie auf dem Wolltuch liegen blieb und damit Wulfs Blick zu sich holte. Er zog die Handschuhe aus und nahm die Buchattrappe vom Tisch. Bedächtig verschloss er sie, ging in den endlos langen Flur, überflog die dort vom Fußboden bis zur Decke über mehrere Meter Breite reichende Regalwand und entschloss sich für die fünfte Abteilung von rechts, die gleichzeitig die zweite von unten war, und stellte die Buchattrappe sorgfältig zu den anderen.

 

Es klingelte an seiner Tür. Der Postbote verspürte keine Lust, ein großes schweres Paket für Sybille Hardtke wieder vier Treppen hinunter zu tragen. Deshalb nahm Wulf ihm diese Arbeit und das Paket ab. Sybille war seine Nachbarin, mit der er schon seit Jahren auf der gleichen Etage wohnte. Sie war in seinem 32 Jahre währenden Leben bisher die einzige Frau, die sein Herz und seinen Körper gleichermaßen berührte. Schon oft hatte sie bei ihm geklingelt, aber nur, um nach Vergessenem zu fragen und ab und zu, um einen Ersatz zurück zu bringen. Diesen Abend klingelte sie, weil der Postbote ihr auf der Paketbenachrichtigung Wulfs Namen geschrieben hatte.

„Grüß Dich, Wulf. Wie geht’s Dir?“

„Danke. Gut. Ich habe ein Paket für Dich. Wie geht es Dir?“

„Na ja, geht so. Hab Ärger im Job, aber egal - Kannst Du mir das Paket geben.“

„Ach so ja, natürlich. Entschuldige.“

Wulf schaute hinter sich in den langen Flur, an dessen Ende das Paket stand. Er hielt noch immer mit der linken Hand an der Wohnungstür und schaute unschlüssig zwischen dem Paket und Sybille hin und her.

„Ähmm, tschuldige Wulf. Aber ich hab’s ein bisschen eilig. Könntest Du mir ..?“

„Das Paket? - Ja, warte kurz. Dahinten. Ich muss .... Kannst Du kurz hereinkommen?“

Sybille war für seine stete Hilfsbereitschaft so dankbar, dass sie nicht unhöflich sein mochte. „Ja, klar. Danke...Wenn’s hilft“, lächelte sie ihn an und trat ein. Wulf verschloss hinter ihr die Tür und zog einen schweren braunen Wollvorhang vor. Dann versuchte er, Sybille, die abwartend in der Mitte des äußerst schmalen Flures stand, erst links, dann rechts zu passieren, ohne sie zu berühren, was erst gelang, als Sybille sich ihrerseits bemühte, so wenig Platz wie möglich einzunehmen. Einen Bruchteil einer Sekunde während dieses Manövers wunderte sich Sybille, dass ihr weder die körperliche Nähe noch seine, auf ihrem Gesicht ganz kurz verweilenden Blicke unangenehm waren.

Während Wulf sich bemühte, das schwere Paket herbei zu holen, schaute sie sich in dem schummrigen Flur um. „Du hast viele Bücher!“

„Ja.“

„Aber sag mal: sie sehen sich schon ziemlich ähnlich alle, oder? – Hast Du die alle gelesen?“

„Ich kann nicht lesen.“, antwortete Wulf leise.

„Darf ich mal?“ Noch bevor die Bedeutung seiner Antwort ihr Bewusstsein erreichte, hatte Sybille eines der Bücher aus dem Regal genommen und drehte es nun mehrfach in ihren Händen bis sie die Öffnung fand. Fragend schaute sie Wulf an: „Wie meinst Du das: Du kannst nicht lesen? – Sind sie deshalb leer?“

„Sie sind nicht leer. Sie enthalten meine Geschichten.“  Wulf ließ nicht ohne ein wenig Stolz seinen Arm entlang der Regalwand streifen. „In jeder ist eine. Und wenn sie länger sind, dann ist es immer nur ein Kapitel.“

 

Sybille schaute ihn lange und prüfend an. Dann entschied sie sich gegen ihre Zweifel an seinem Verstand und fragte ihn mit ernster und sanfter Stimme: „Wulf, könntest Du mir eine dieser Geschichten vorlesen oder ... also, ich meine ... sagen .. oder erzählen?“ Wulf steckte beide Hände in seine Hosentaschen und schaute auf seine Schuhe, die seine Füße zwei Schritte zurück schoben.

„Weißt Du eigentlich, was ich beruflich mache? Wir haben nie darüber gesprochen, oder?“

„Nein.“

„Ich bin Journalistin - und ich .... also ich schreibe gerade an meinem ersten Roman. Wenn Du willst, könnte ich Dir etwas daraus vorlesen und  - ich würde mich freuen, etwas von deinen Geschichten zu hören.“

„Wirklich?“ Wulfs erhöhter Pulsschlag ließ die Farbe seines Gesichts sich angleichen an die spärliche rötliche Beleuchtung.

 

Am nächsten Tag saß Sybille in Wulfs Küche ihm  gegenüber, während er, wie gewohnt, Kugelschreiber zusammensetzte, auf dem Fensterbrett geöffnet eine der Buchattrappen. Sybille schaltete das mitgebrachte Diktiergerät ein. Zögernd suchte Wulf ihren Blick und sie gab ihm ein Zeichen mit ihrer Hand und mit einem aufmunternden Lächeln. Mit der gleichen Intensität, mit der er bisher durch das Fenster geblickt hatte, schaute er nun in Sybilles Gesicht und erzählte ihr seine Geschichten in einem literarisch so brillanten Stil, als seien die Worte auf ihr Gesicht geschrieben und er müsse sie nur noch ablesen. Fasziniert hörte sie ihm zu.

 

Nachts um zwei Uhr in ihrem Wohnzimmer schaltete Sybille das Diktiergerät ab und schloss, herzhaft gähnend, ihr Notebook, nachdem sie ohne Unterbrechung fünf Stunden lang geschrieben hatte. Diese Nacht sollte sich nur wenig von den Nächten der nächsten drei Wochen unterscheiden.

 

Dann, mehrere Monate später, war der Nachmittag, an dem Wulf in den vielen Jahren ihres Wohnens auf dem gemeinsamen Hausflur das erste Mal vor Sybilles Tür stand. Als sie öffnete, reichte er ihr unbeholfen mit beiden Händen einen bunten Blumenstrauß entgegen.

„Herzlichen Glückwunsch zu Deinem Buch! Es ist heute herausgekommen, nicht wahr?“

Sybille nickte, bedankte sich und bat ihn herein an einen gedeckten Tisch.

„Der Kurs war gar nicht schlecht, oder? Dein Lesen und Schreiben ist schon viel besser geworden, nicht?“ Wulf nickte nur. Nachdem sie schweigend ein Stück Kuchen gegessen und schwarzen Tee getrunken hatte, stand Sybille auf und holte von ihrem Schreibtisch ein Hardcoverbuch in einem glänzenden rotbraunen Umschlag mit weißer Schrift. Sie reichte es Wulf über den Tisch. „Hier! Du kannst es in Dein Regal stellen.“ Vorsichtig nahm er es entgegen und drehte es mehrmals in den Händen. Dann schaute er sie ungläubig an: „Aber, da ... das ist ja ... wieso? ... ich wusste nicht ...“, stotterte er. Lächelnd fragte Sybille ihn: „Würdest Du heute Abend mit mir ins Kino gehen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, stand sie auf, ging um den Tisch herum und küsste ihn auf den Mund. Sie nahm ihm das Buch aus den Händen, legte es auf den Tisch und zog ihn vom Stuhl hoch in Richtung Tür. „Lass uns gehen!“ Wulf konnte sich nicht losreißen vom Anblick des Buches, auf dem in großen weißen Buchstaben stand: Das Haus am Kiesteich, Wulf Meyer, Roman und in viel kleineren Buchstaben war hinzugefügt: Co-Autorin Sybille Hardtke.

 

 

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