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"Wandelgang der Generationen" Kürzestgeschichte  

Schmecken. 

Tasten. 

Fühlen. 

Weiche Rundungen. 

Vertrautes Gesicht. 

Geborgenheit und Wärme versprechend. 

Große rote, blaue Punkte, wippend vor meinem Blick. 

Endlich! Meine eigene Sprache. Mama, Papa. Ich bin ich! Ein Bruder, winzig und zerbrechlich. 

„Das macht man nicht!“, sagen die Tanten - jeden Tag. Ich schäme mich – jeden Tag. 

Beim Mittagsschlaf, den ich nicht mehr brauche, träume ich von der Schule. 

Ich will mal Bagger-Fahrerin werden. Oder Tierärztin. Bald! Denn ich bin schon größer als Christina. 

Aber dafür hat sie längere Haare. Die findet sie jetzt uncool und hat sie gerade abgeschnitten. 

Das Drei-Meter-Brett macht mir Angst und die Schule nicht mehr so viel Spaß. Deshalb gibt mir Christina einen Joint. Megafett! 

Das brauchte ich gerade und nicht Eltern, die nerven, wie viel schlechter sie es doch hatten, und Lehrer, die einen nur so zum Spaß reinreißen. 

Wie mich das alles ankotzt! Jeden Morgen der gleiche Spruch zum Aufstehen. 

Ich will meine Ruhe und noch ein bisschen träumen von Michael. Er ist so süß! Vielleicht hat Christina Recht und ich sollte mir neue Klamotten kaufen? Oder sagt sie das nur, damit er mich dann doof findet? 

Irgendwie muss ich über die Zeit kommen, denn die Bewerbungsbriefe stressen einfach. Ich unterschreibe den Vertrag, damit die Anderen aufhören, mich zu nerven. 

Dass ich mehr als das hier könnte, weiß ich selbst, ich hätte nur nie gedacht, wie anstrengend es ist: tagsüber arbeiten und abends Schule. 

Aber Frank glaubt an mich. Wir werden alles zusammen machen. Auch das Kind. Alle warnen mich, aber schließlich ist es unsere Entscheidung. 

Die Zeit bleibt stehen. Blaue Augen, winzige Finger. Zerbrechlich und doch so zart und weich. Wunder erfüllt das Herz. Die Zeit steht still. 

Jetzt ist meine Mutter endlich stolz auf  mich. 

Und trotzdem ist alles so schwierig, aber wofür gibt’s denn Vaterschaftsurlaub? Doch dafür müsste Frank noch da sein. Ist er nicht. 

Meine Mutter bietet mir an, sie könne die Kleine auch nehmen, damit ich mal eine Chance hätte. Mit „Chance“ meint sie einen neuen Typen. Aber ich habe schon einen guten Job und brauche Niemanden. Jedenfalls nicht mehr mit Pfarrer und allem Drum und Dran. 

Nur so, zum Kuscheln und damit die Kleine Jemanden zum Abholen vom Kindergeburtstag hat, weil Frank so wenig Zeit hat, seitdem er wieder Vater ist. 

Egal, denn meine Kleine will inzwischen gar nicht mehr abgeholt werden. Sie sei zu groß und außerdem wolle sie ihre Ruhe. 

Ich muss sie jeden Morgen wecken, sonst steht sie nicht auf. 

Neulich hat sie mir gesagt, sie hätte keine Lust mehr auf Schule. Ich hab ihr von mir erzählt. Da ist sie weiter hingegangen. Bis zum Abitur. 

Seit zwei Jahren studiert sie und hat einen netten Mann. Doch heiraten wollen sie nicht. 

Heute treffen wir uns, denn ich soll sie begleiten. Zum Arzt, sie ist schwanger! Ich bin aufgeregt und kann es kaum abwarten. 

Die Zeit steht still. Denn sie treibt ab. Und sagt, es sei ihre Sache und dass ich nie Oma sein werde. Traurigkeit erfüllt das Herz. Die Zeit steht. 

Ich verstehe sie nicht. Ich hatte ich es doch so viel schwerer als sie.

                         

  Kurzgeschichten


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(*)Das Copyright und alle Rechte für den Roman "Der Traumapfel" liegen beim novum Verlag, Österreich