„Die fremde Frau“

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann ich die Frau das erste Mal bewusst wahrgenommen habe. Ein flüchtiger Blick im großen Schaufenster eines Kaufhauses, als sie neben mir lief? Einen langen schwarzen Mantel hatte sie an und einen roten Wollschal lässig umgeworfen. Er stand ihr gut. 

Anfangs sah ich sie nicht so oft. Vielleicht alle paar Wochen einmal. Sie ähnelte mir, besonders von hinten: ihre Haare nicht ganz so füllig wie meine, aber die gleiche Frisur, die gleiche Haarfarbe. Mittelgroß war sie. Nein! Wenn ich recht überlege: doch eher klein. Eine Frau, die ihren Weg ging, ein Punkt unter Punkten, die ihre Positionen im Raster der Straße veränderten, um die vorherigen Koordinaten frei zu machen für einen anderen Punkt. Und wenn man nicht ganz genau aufpasste, nahm man den Wechsel gar nicht mehr wahr, so wie es einem schwer fällt, den Weg eines Regentropfens zu verfolgen, nachdem er in eine Pfütze getropft ist. Aber bei ihr war das anders: Ihr Gesicht, ihre Gestalt blitzte so plötzlich und klar in der Gleichförmigkeit meiner Umgebung auf, dass sie mich jedes Mal erschreckte. Ich traf sie an den ungewöhnlichsten Orten. Oder traf sie mich? Manchmal schauten wir uns kurz ins Gesicht. In ihren Augen war etwas Trauriges.

Im letzten Sommer traf ich sie dann öfter. Mir fiel sofort auf, dass sie zugenommen hatte, so sechs, sieben Kilo, in erster Linie am Po und an den Oberschenkeln, ein wenig aber auch an ihren Brüsten. Ich konnte es sehen, als wir uns in der Wäscheabteilung trafen: sie musste Cup C statt Cup B kaufen. Man sagt ja, dass die Frauen, wenn sie erst einmal in die Wechseljahre kommen, fast alle ein paar Kilo zunehmen und –  das ist das Schlimmste – sie kaum wieder herunter bringen. Gott sei Dank: für mich ist noch Zeit. Man muss vorsorgen: viel Sport und gesunde Ernährung. Einmal - wir sahen uns in der Dusche im Tenniscenter - war ich drauf und dran, ihr den freundlichen Rat zu geben, sie solle sich beeilen mit dem Abnehmen. Aber ich hatte Angst sie anzusprechen. Verfolgte sie mich? 

Sie verursachte Beklemmungen in mir. Die ersten Male unserer Begegnungen hatte ich sie für ungefähr gleichaltrig gehalten, höchstens drei Jahre älter. Das Gesicht nicht mehr ganz so frisch, aber noch annehmbar. Später fiel mir auf, dass sie wohl doch schon mindestens sieben, acht Jahre älter sein musste. Das kurzärmlige T-Shirt, das sie trug, machte den Blick frei auf ihre Oberarme und Ellenbogen. Sie hatte die magische Grenze schon überschritten: hinaus aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, dort, wo sich der Pulsschlag der Männer erhöht, wenn eine halbwegs attraktive Frau ohne Begleitung einen Raum betritt, auf eine Party eingeladen wird oder einfach nur ihnen gegenüber am Bankschalter sitzt. Eine mögliche Singlefrau als ein möglicher Paarungspartner: das reicht aus, das Spiel beginnen zu lassen. Ein Lächeln hier, ein längerer Blick da verursachen einen beschwingteren Gang durch den Alltag, liefern Gesprächsstoff für den neuesten Firmentratsch. Und Jede und Jeder von uns ist dabei lieber auf der Seite der Begehrten, weil in den Spielregeln steht, dass wir nur dann Gewinner sein können, auch wenn wir es eigentlich besser wissen müssten. Aber Spielen macht Spaß. Eines Tages ist der Spaß dann vorbei. Und das merkwürdige daran ist: Die meisten sagen, sie wüssten es irgendwann ganz plötzlich. So als würde der Grenzpolizist ihnen hinterher rufen: „Madame, Sie haben ihren Pass liegen lassen!“ Und auf diesem Pass steht ein Geburtsdatum, dass vor 1970 liegt, denn sonst würde der 25ig-jährige Grenzpolizist nicht hinterher rufen, sondern hinterher laufen, zumindest ihnen entgegen kommen. Aber vielleicht war es ja auch schön dort drüben, hinter der Grenze. Wenn sie die Grenze bunter anstrahlen würden, wäre es leichter den Grenzweg zu finden und angenehmer dazu. Außerdem würde diese Frau dann schon drüben sein und mich nicht mehr belästigen. Man darf keinem Menschen ungefragt so nahe kommen. 

Ich beschloss anzugreifen statt zu verteidigen, nachzuforschen, wer sie war und was sie von mir wollte. Ich begann sie zu beobachten und ihr hinterher zu gehen. Einmal stellte ich sogar meine Digitalkamera auf „Video“, um die Begegnung mit ihr heimlich festzuhalten, so als müsste ich mir beweisen, dass ich mir diese fremde Frau nicht einbildete. Zuhause saß ich dann an meinem Laptop und suchte in ihrem Gesicht nach Zügen, die mir erzählen konnten, wer und wie sie war. Ich studierte ihre Gesten und ihren Gang. Mit jeder Wiederholung meinte ich, stärker einen jungen, lebendigen Geist zu spüren, der sich aber gleich wieder verlor in den Widersprüchen der Altersspuren ihres Körpers. Schöne große Augen hatte sie. Viel ausdrucksvoller als meine und mit langen Wimpern. Hatte ich mich doch geirrt? Nein, denn da gab es auch die Stellen im Video, die man als „unvorteilhaft“ bezeichnete, wenn einem nichts anderes einfiel oder die Höflichkeit es gebot. Durch die dünne Spitzenbluse konnte ich die kleinen Rundungen ihres Bauches sehen. Ob sie wohl noch Kinder bekommen könnte? Was wäre, wenn die fremde Frau da auf dem Video schwanger wäre? Nein! Das wäre zu heftig. Alle würden lästern und das arme Kind bedauern. Ich strich mir unwillkürlich über meinen Bauch, der schon einmal ein Kind getragen hatte. Wie würde es sein, noch einmal Leben im Bauch und später dieses unvergleichbare Gefühl der saugenden winzigen Lippen an meiner Brust zu spüren. Ich nahm mir vor, bei kommender Gelegenheit die fremde Frau endlich anzusprechen und ihr zu sagen, sie solle mich in Ruhe lassen. Aber das nächste Mal, als ich sie traf, war ausgerechnet in meinem Salsakurs. Es war zu laut und wir waren zu beschäftigt mit den Übungen, die der Tanzlehrer vor dem großen Spiegel uns aufforderte nachzumachen. Ich beobachtete sie ganz genau in diesem, die ganze Wand umfassenden, Spiegel. Sie machte trotz ihrer Pfunde eine gute Figur mit ihren engen Jeans, dem weißen T-Shirt und den hochgesteckten Haaren. Sie gab sich dem Rhythmus besser hin, konnte die Schritte schneller lernen als ich und sie hatte keine Probleme, einen Tanzpartner zu finden. Nun gut, jede dort fand einen Tanzpartner, denn alle paar Minuten gab der Lehrer den männlichen Tänzern das Zeichen, einen Platz weiter zur nächsten Tanzpartnerin zu gehen.

 

Nach diesem Abend sah ich sie lange nicht mehr. Mein Gehirn hatte aufgehört, über sie zu grübeln. Dann – es war kurz vor Sylvester – traf mich das Wiedersehen mit einer Härte, die ich nicht erwartet hatte. Es war im KaDeWe. Ich wollte den freien Tag nach Weihnachten nutzen, um mir für den Sylvesterball ein neues Abendkleid zu kaufen. Mit freudiger Erwartung suchte ich, drei hübsche Kleider über den Arm gehängt, die Umkleideräume auf. Ich probierte das erste Kleid an: schwarz, glänzender Stoff, eng anliegend. Zu dumm! Ich hatte vergessen, hübsche Unterwäsche anzuziehen. Das Kleid schien sehr klein auszufallen, ich konnte gerade noch den seitlichen Reißverschluss schließen. Der Spiegel in der Kabine war viel zu nah für das große Kleid und so trat ich hinaus in den Gang, wo ein großer Spiegel mit zwei verstellbaren Seitenspiegeln den Blick von jeder Seite ermöglichte, sogar von hinten. In diesem Moment sah ich sie wieder. Meine Vorfreude auf die schwebende Ballnacht, auf heimliche Blicke der männlichen Gäste beim anschmiegsamen Tanz mit meinem Mann, entglitt mir jäh, als ich ihr, mühsam unter höflichem Lächeln verborgenes, Entsetzen sah. Schnell zog ich mich in meine Kabine zurück und entledigte mich hastig, wie unter Zwang, des Kleides, als sie auch schon direkt hinter mir stand. Ich schaute auf ihr ältliches Gesicht, ihre dicken, aus dem weißen Slip quellenden Fettpolster und ihre mit blauen Äderchen durchzogenen Kniekehlen. Ich konnte nicht anders: Voller Hass schlug ich ihr mit der Faust ins Gesicht.

 

Eine Woche später wurden die Fäden der Schnittwunden meiner Hand gezogen. Ich wusste, ich hatte Glück gehabt, dass sie bei dem Schlag in den robusten Spiegel nicht gebrochen war. Und ich wusste auch, dass ich mich langsam aber sicher mit dieser fremden Frau in mir anfreunden musste. Ich wusste es, ob ich wollte oder nicht. Ich wusste es und ich will es.

 

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