„Das gefühlte Recht“ (Lysa :-))

Es begab sich zu der Zeit in der Weltgeschichte,

als der große Anschlag gerade erst vorbei war;

ein Anschlag auf ihre Freiheit und auf ihre Werte.

Da sammelten sich die Regierungen der Nationen,

Truman’s Garantien gegenüber den unterdrückten Völkern zu halten.

Denn sie waren nicht gewillt, sich zu unterwerfen

einer gesichtslosen, unförmigen Macht, einem fremden Gegner.

So zeichneten sie sein Antlitz und das seiner Familie

und suchten die Stätte seiner Geburt und bestimmten

die Orte, an denen er Labsal finden könnte.  

 

Sie fühlten ein Recht sich zu verbünden,

waren doch die zivilisierten Völker in Gefahr.

Und Gott stand auf ihrer Seite.

Der Gott, der die Zivilisation geschaffen hatte.

Nicht der Gott, der die Frauen verhüllte.

Nein! Der Gott, der die Unterentwickelten erhoben hatte,

Mitglieder der Zivilisation zu werden,

wenn sie es nur wollten und ihn anriefen.

Selbst ihren Ruf in einer Moschee konnte er verkraften,

wenn er nur leise genug blieb,

dass er sich einbilden konnte, er sei gemeint.

 

Als sie genug von Solidarität geredet hatten,

war eine Gemeinschaft der Willigen geboren.

Sie informierte die einfachen Menschen aller Länder

über das, was da noch kommen würde,

unterließe man jetzt das Handeln.

Sie nannte es Prävention, ein Akt der Verteidigung

und erklärten es ihnen. Das war nicht einfach,

denn einige Länder wollten nur ihren Himmel leihen

und selbst in den Nationen der Wollenden

waren die Menschen nicht so recht gewillt.  

 

Die Gemeinschaft fühlte ein Recht zu handeln,

waren doch die zivilisierten Völker in Gefahr.

Und der Terror stand auf der anderen Seite.

Der Terror, der sich im Reich des Bösen versteckte.

Nicht der Terror, der ihr eine Legitimation gegeben hatte.

Nein! Der Terror, der die freie Welt aus den Angeln heben wollte,

die da stand als Zeichen der Gerechtigkeit,

der Chancengleichheit für Mann und Frau,

für Schwarz und Weiß, für Mitbestimmung aller Schichten,

die keinen Unterschied machte zwischen den Religionen

und sorgsam die Menschenrechte bewahrte.

 

Und es machte sich auf die Presse,

das Für und Wider zu diskutierten,

in aller Öffentlichkeit, ohne jede Vorbehalte,

wie es sich gehörte in einem freien Land.

Und sie gab jedem die Möglichkeit,

seine Sicht der Dinge zu nennen:

den Künstlern und den Pazifisten,

den Strategen und den Humanisten,

den Intellektuellen und den Historikern,

den Kapitalisten und den Zynikern.

 

Und die Menschen gingen in ihre Häuser,

verwirrt ob der vielen Wahrheiten,

und bereiteten ihr Abendessen.

Dann hielten sie den ultimativen Atem an

und warteten.

 

Die Gemeinschaft fühlte ein Recht anzugreifen,

waren doch die zivilisierten Völker in Gefahr.

Und sie hatte die Technik auf ihrer Seite.

Die Technik, die sich erhob über alles Gewesene.

Nicht die Technik, sich selbst als Waffe zu senden.

Nein! Die Technik, die in wenigen Tagen

das Gleichgewicht der Welt wiederherstellen würde,

mit der man chirurgische Eingriffe punktgenau

vornehmen könne auf die Nervenzellen des Bösen,

auf dass er gelähmt sei für den Rest des Jahrtausends,

die aber gleichzeitig keinen Raum böte für zivile Ziele.

 

Als die Entscheidung gefallen war, kamen die Menschen

wieder aus ihren Häusern auf die Straße.

Sie schauten auf die Großbildleinwände der Nationen,

dort, wo das Feuerwerk der freien Welt zu sehen war,

als Zeichen der Kraft und der Gerechtigkeit,

angezündet aus der Verantwortung heraus,

digital festgehalten von den Dächern der fernen Stadt.

Wenige applaudierten offen, viele protestierten offen.

Sie zündeten Kerzen an und sangen Lieder.

Einige mahnten die Vergangenheiten.

 

Und die Menschen gingen zurück in ihre Häuser,

verwirrt ob der Nähe der Bilder,

und bereiteten ihr Abendessen.

Dann sahen sie im Fernsehen der eingebetteten Wahrheit zu 

und stöhnten.

 

Die Gemeinschaft fühlte ein Recht auszuharren,

waren doch die zivilisierten Völker in Gefahr.

Und sie hatte die Hoffnung auf ihrer Seite.

Die Hoffnung, die Zweifel seien bald vorbei.

Nicht die Hoffnung, durch Gewalt die Probleme zu lösen.

Nein! Die Hoffnung, das Reich des Bösen möge einsehen,

dass ihr System das Stärkere, ihr Gott der Gerechtere

und für barbarische Grausamkeiten kein Platz sei,

auch nicht abseits der Weltöffentlichkeit.

Denn die Schläfer schliefen nicht länger.

Und der Nachbar war so anders.

 

Als das Kämpfen zu lange dauerte, suchte sie nach Lösungen,

suchte auszuräumen die Zweifel in den eigenen Reihen,

suchte die Fahnen weiter hochzuhalten

für die Menschenwürde und das humanitäre Völkerrecht

und unterstützte die Soldaten mit Kopfhörern und Musik,

weiter auszuhalten in dem Reich des Bösen,

ihre Pflicht zu tun für ihre Heimat und die freien Völker.

Manche von ihnen taten mehr als die Pflicht und

so kämpften die Menschen an neuen eigenen Fronten

für die Menschenwürde und das humanitäre Völkerrecht.

 

Und die Menschen gingen zurück in ihre Häuser,

angeekelt ob der Verfehlungen der zivilisierten Welt,

und bereiteten ihr Abendessen.

Dann lernten sie fremde Worte zu sprechen: Abu-Ghuraib, Falludscha, Haditha 

und wendeten sich ab.

 

Die Gemeinschaft fühlte eine Pflicht aufzuklären,

war doch die Zivilisation zu Hause in Gefahr.

Und sie hatte die Bilder auf ihrer Seite.

Die Bilder des großen Infotainments dieser Welt.

Nicht die Bilder, die Al Dschasira zeigte.

Nein! Die Bilder einer neuen Generation der alliierten Transparenz,

die schonungslos, in Sekundenschnelle, aktuell und brisant,

keine Manipulationen duldend, neue Fernsehstars gebärend,

die heimischen Wohnzimmer füllten.

auf dass sich niemand ihnen entziehen könne.

Denn die Menschen hatten ein Recht auf Information.

 

Viele Menschen gingen wieder auf die Straße,

denn in dem Land des Bösen konnten sie es nicht tun.

Zu schwer waren die Kollateralschäden der chirurgischen Eingriffe.

Sie verabscheuten und forderten Strafe.

Einige mahnten die Vergangenheiten.

Die Politiker der Nicht-Willigen empörten sich.

Die Politiker der Willigen empörten sich noch viel mehr.

Die dunkle Welt, die sie sich aufgemacht hatten

zu vernichten, war in ihre eigenen Reihen gekommen.

Und die Mauern waren die gleichen.

 

Und die Menschen gingen zurück in ihre Häuser,

Ermattet und beruhigt ob der vielen Proteste,

und bereiteten ihr Abendessen.

Dann lasen sie die Prozessberichte in den Zeitungen 

und schüttelten den Kopf.

 

Die Gemeinschaft fühlte ein Recht zu richten,

waren doch die zivilisierten Völker in Gefahr.

Und sie hatte die Pflicht auf ihrer Seite.

Die Pflicht zu richten über die Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Nicht die Pflicht, ihre wirtschaftlichen Interessen zu wahren.

Nein! Die Pflicht, Tribunale zu errichten und Kopfgelder auszusetzen,

Massenvernichtungswaffen allein zu besitzen,

um sie vor Missbrauch zu schützen.

Die Pflicht, das Unrecht im Reich des Bösen zu ersetzen

mit einer Demokratie, wie sie schon überall zu finden war

in den Nationen, die die Gemeinschaft in sich scharte.

  

Und die Menschen gingen nicht mehr auf die Straße.

Sie blieben in ihren Häusern

und bereiteten ihr Abendessen.

Dann sahen sie einen Bericht über den Iran 

und sorgten sich.

 

 

zurück zu: Kurzgeschichten